Historie

Bevor es mich geben konnte, musste dieses Paar zueinanderfinden:

Oktober 1946 in Frankfurt am Main: Hochzeit meiner Eltern im Alter von 18 und 17 Jahren. Jung zu heiraten war damals durchaus normal. Sie hatten an ihrem ersten gemeinsamen Heiligabend einen wahrlich exclusiven Weihnachtsbaum:

Aus dem Palmengarten, nach Hause geschleppt über fast fünf Kilometer.


> Weg nachvollziehen >


Meine Geburt war am Samstag, den 8. November 1947, um 19 Uhr.
Ich wurde > "echter" Skorpion. >

> Skorpion am Sternenhimmel >

Skorpion in chinesischen Schriftzeichen:
Sternbild Skorpion als chinesicher Schriftzeichen

Seit einiger Zeit schreibe ich meine Erinnerungen als Gedankenfetzen auf, in eine blaue Kladde. Diese Notizen für späteres Schreiben sind ungeordnet, einfach hintereinander notiert, wie sie mir einfallen. Wie soll man auch im Augenblick des plötzlichen Aufschreibens ein Ordnungsprinzip parat haben, das man später mit einem jetzt noch unbekannten Suchbegriff nutzen könnte? Nachdem die blau Kladde voll geworden war, habe ich eine neue angefangen: "Ab September 2010", für meine Begriffe sehr gehaltvoll.

Aus der ersten blauen Kladde wähle ich für den Anfang ein Stichwort aus:

In den 1950er-Jahren wohnten wir in Frankfurt am Main-Rödelheim, direkt an der Sternbrücke. Freitags bezahlte meine Mutter bei "Blindenhöfer", dem Lebensmittelladen schräg gegenüber, die Einkäufe der letzten Woche und ließ den Einkauf für das kommende Wochenende anschreiben. Auch eine Flasche Bier für Papa.
Das war damals das völlig normale Einkaufsverhalten. So kaufte man z. B. ein Paar Schuhe für 25,- D-Mark und zahlte 5,- D-Mark an. Bahlesen SalzlettenDen Rest stotterte man in wöchentlichen Raten ab, meistens freitags. In manchen Familien gab es den ersten Fernseher, oft nicht gekauft, sondern geleast. Das Fernsehgerät hatte eine Zeitschaltuhr! Für 50 Pfennig, die man einwarf, konnte man eine halbe Stunde fernsehen. Und so kam es, dass samstagabends manchmal Nachbarn oder Bekannte mit 50-Pfennigstücken zu Besuch kamen. Einer brachte vielleicht eine Flasche Malaga mit, ein anderer Salzletten. Auch so begann das sogenannte Wirtschaftswunder:

Ludwig Erhard, 1948/49 "Direktor der Wirtschaftsverwaltung des Vereinigten Wirtschaftsgebietes", sollte später als dessen Vater benannt werden. Zu Recht. Hatte er doch in den 1940er-Jahren zusammen mit Alfred Müller-Armack das Konzept einer sozialen Marktwirtschaft entworfen. Und wesentliche Elemente daraus wurden in den drei Westzonen mit der Währungsreform am 20. Juni 1948 verwirklicht: die weitgehende Aufhebung staatlicher Regelungen und Preiskontrollen. Stattdessen: Vertrauen in die selbstregulierenden Kräfte freier Märkte.
> Mehr über Ludwig Erhard lesen >

Jetzt, 60 Jahre später müssen wir hinzulernen. Der Verlust des Verantwortungsbewusstseins im Umgang mit fremdem Eigentum und offensichtliche Maß- und Zügellosigkeiten bei Boni lassen Rufe nach Regulierungen erschallen! Mehr noch: Die Braven müssen die Sünder auch noch retten, um noch schlimmere Folgen für alle abzuwenden.

Die erste Nachkriegs-IAA fand im Jahre 1951 in Frankfurt am Main statt, nicht mehr in Berlin. Der Kernsatz hierzu, seinerzeit gesprochen von Ludwig Erhard: "Wir sind wieder wer!"

Meine Volksschulzeit an der Körnerschule (so hieß sie bis 1995) war lebhaft mit all den Spielen von Jungs im Alter bis 12. So z. B. Drachen steigen lassen auf den Schafswiesen unterhalb der Sternbrücke, am Ochsengraben zwischen Biegwald und Brentanobad, Ritterspiele an der mächtigen Rotbuche im Solmspark, zwischen Mühlengraben und Nidda.

1953: Der Bestand an Pkw in Deutschland-West überstieg erstmals 1.000.000.
Zum Jahresbeginn 2010 gab es in Deutschland 50.184.419 Kraftfahrzeuge, davon 41.737.627 Pkw.

Und 1954 trat Peter Frankenfeld in der Fernsehsendung "1:0 für Sie" mit seiner legendären karierten Jacke auf und holte Zufallskandidaten mit einem Kinder-propeller auf die Bühne. Er fragte dann immer: "Machen Sie alles mit?"


Das war 1952 mit 4 Jahren mein erstes Fahrzeug.Herr Gössling als Kind auf dem Roller
Im April 1954 wurde ich eingeschult. Wir waren 40 Jungs in unserer Klasse!

Mein Schulweg führte mich in den ersten Jahren noch gelegentlich an Trümmergrundstücken vorbei und an dem Platz, an dem samstags der Müll verbrannt wurde, der im Laufe der Woche nicht in die grauen Blechtonnen gepasst hatte. Den Arbeiten der Bagger mit den Abrissbirnen zuzusehen, hat aus der normalen Dreiviertelstunde Schulweg gelegentlich das Doppelte gemacht. Dafür war mein Schulweg halbiert, wenn die Nidda im Winter zugefroren war. An der Stelle, an der ich die zugefrorene Nidda damals überquerte, gibt es seit Langem ein Brücke. Führte die Nidda damals im Winter oft Eis, so schwammen in den wärmeren Monaten einmal wöchentlich dicke weißbraune Schaumbatzen auf ihr. Das sommerliche Baden im Freibad in der Nidda war somit mittwochs unmöglich; sonst eigentlich auch, wir wussten es nur nicht. An ihrem Oberlauf befand sich ein großes Reinigungsunternehmen. Und damals ging noch viel schmutziges Abwasser ungeklärt in unsere Flüsse.
Viele Unterrichtsstunden verbrachte ich wegen unbändigen Nasenblutens rücklings liegend auf einer der hinteren Bänke. In meinem Zeugnis zur Klasse 1b hatte ich in allen Fächern ein "gut" und diese Bemerkung: "Werner ist ein verträglicher und gewissenhafter Junge". Bis auf "Junge" stimmt das heute noch, wie ich meine. Ich möchte aber "Junge" noch nicht durch "Alter" ersetzen.

Klassenfoto


Haben Sie mich gefunden? Nein? Dann klicken Sie auf das Klassenfoto!
Zweite Reihe von oben, Zweiter von rechts, sehen Sie wie klein ich damals war?
Ansonsten: das waren schon tolle "Erscheinungen" damals ...

Der berühmte Diercke-Weltatlas, den meine Eltern mir damals für das vierte Schuljahr kaufen mussten, kostete 36,00 Mark. Das war etwa die Hälfte eines durchschnittlichen Nettoverdienstes pro Woche!

Den hinteren Abschluss des Hinterhofs zu dem Haus, in dem wir wohnten, bildete ein flaches, industrielles Gebäude mit großen Fenstern. Darin war eine Firma, die für Normalbürger etwas ganz Außergewöhnliches herstellte: Schaufensterpuppen! Ja, Schaufensterpuppen, wie man sie, dann modisch bekleidet, in den Schaufenstern der großen Kaufhäuser in der Frankfurter Innenstadt sehen konnte. Und diese Schaufenster faszinierten mich, besonders in der Vorweihnachtszeit bei Kaufhof auf der Zeil. Die prächtigen, phantasievollen Dekorationen mit ihrem Glitzern und viel Licht begeisterten mich ungeheuer. Damals, 1959, war mein Berufswunsch, Schaufensterdekorateur zu werden, sehr stark. Aber nicht stark genug, man redete mir diesen Wunsch aus. Wahrscheinlich zu meinem Glück...

Zu der Zeit, als mein Wechsel in eine höhere Schule anstand, planten meine Eltern bereits unseren Umzug nach Kronberg. Deshalb besuchte ich das honorige Liebiggymnasium, damals noch in Frankfurt-Bockenheim, nur für ein Jahr. Dort waren wir über 60 Jungs. Ich erinnere mich an einen Mitschüler mit dem kürzesten je gehörten Namen: Ix, ja: Ix.

Sommer 1959: das war die Zeit der Ritterspiele an der mächtigen Rotbuche im Solms-park, Frankfurt-Rödelheim, auf der Insel zwischen Mühlengraben und Nidda. Wir hatten uns Holzschwerter und Rittermasken aus Pappe gebastelt und spielten Schlachtszenen nach, wie wir sie aus den Comic-Heftchen > Prinz Eisenherz > und anderen kannten. Und hier entstand die Figur, die mir später und bis heute manchmal im Kopf herumgeistern sollte: Als Ritter mussten wir uns natürlich wohlklingende Namen geben; und ich nannte mich "Prinz Henry XXIII, von Dänemark".


Nach unserem Umzug im Februar 1960 ging ich in das damalige noch honorigere Altkönig-Gymnasium im noblen Kronberg im Taunus. War ich bisher in reinen Jungenschulen, erlebte ich den Rest der weiteren Schulzeit in gemischten Klassen. Mit Mädchen, mit 12! Dort waren wir in der Regel auch nur um die 30-35 Schüler pro Klasse.

Obwohl mein Vater damals bereits vom Vorarbeiter zum Betriebsleiter eines namhaften Unternehmens aufgestiegen war, musste ich eine gewisse Geringschätzung wegen meiner Herkunft aus der Arbeiterklasse immer hinnehmen. Ich tat das erhobenen Hauptes und schöpfte daraus sicher auch einen großen Teil meines späteren Strebens.

Und jetzt, ich war nämlich bis dahin recht klein, setzte mein Wachstum ein. Es war üblich, zu allen Gelegenheiten, bei denen wir irgendwo hingingen oder auf irgend etwas warteten, Riegen der Größe nach zu bilden. Zu Anfang war ich ganz hinten, wuchs mich aber im Laufe von zwei Jahren bis ganz nach vorne durch.

1962, mit 14 und inzwischen schon größer, fing ich an, mir etwas zum Taschengeld hinzuzu-verdienen und mit einer "vorberuflichen Laufbahn":
Ich trug zunächst eine Zeitung aus. Es gab damals noch den Kronberger Anzeiger, der 1969 eingestellt wurde bzw. in der späteren Taunuszeitung aufging. Er erschien zweimal wöchent-lich und wurde in Kronberg und Schönerg verbreitet. Im ersten Stock der Druckerei war die Setzerei mit vielen Setzkästen für einzelne Bleilettern in zig verschiedenen Größen auf riesi-gen Stehpulten. Im Erdgeschoss, auf der gemächlich arbeitenden Druckerpresse, wurden die Bögen einzeln bedruckt.

Einblick in eine solche > Druckerei >Druckerei, die allerdings kleiner war. kann man bei einem Besuch im Hessenpark nehmen.


Wenn die Blätter zusammengetragen und gefaltet waren, konnte ich die frischen Zeitungs-exemplare in meine Tasche packen und ans Fahrrad hängen. Die Tasche mit den Zeitungen war immer sehr schwer. Aber besonders vor Feiertagen war sie schier unbändig, wenn die Werbebeilagen mit verteilt wurden. Mein Gebiet war der Ortsteil Schönberg. Ich warf bei vie-len Kunden die Zeitung nicht einfach irgendwo hin oder steckte sie halb in den Briefkasten, wenn schlechtes Wetter war. Vielen brachte ich sie bis an die Tür, bei älteren Menschen so-gar in oberen Stockwerken. Dieser Service wurde anerkannt und belohnt: Ich bekam gute Trinkgelder, wenn ich einmal im Monat den Bezugspreis kassierte. Damals wurden Löhne und Gehälter noch bar ausgezahlt und Lieferungen und Dienstleistungen noch bar bezahlt, meist an Kassierer der Lieferanten. Einer meiner Zeitungskunden war Kassenwart des Kap-penclubs Kronberg. Er fand meinen Service und die Gewissenhaftigkeit, mit der ich für die Zeitung kassierte, offensichtlich sehr gut. So bot er mir an, die seit vielen Jahren rückständi-gen Beiträge der Mitglieder des Kappenclubs in ganz Kronberg gegen eine Provision zu kas-sieren. In ein paar Monaten hatte ich diese Aufgabe erledigt und eine neue Aufgabe bekom-men: Eines der Mitglieder war Versicherungsmakler. Ihm gefiel wohl, wie ich bei ihm den Beitrag kassiert hatte. Er trug mir an, Beiträge für eine Sterbegeldversicherung zu kassieren. Auch hier gab es teilweise Rückstände von einigen Jahren, obwohl monatlich zu kassieren gewesen wäre. Mit einigen der Versicherten hatte ich wegen der aufgelaufenen hohen Rück-stände verträgliche Ratenpläne gemacht und auch diese Aufgabe innerhalb weniger Monate erfüllt. Der Versicherungsmakler bot mir daraufhin eine Mitarbeit in seinem Maklerbüro an. Ich lehnte ab, weil ich inzwischen auf dem Weg war, einen ordentlichen Beruf zu erlernen.

Im Herbst 1963 begann das Zeitalter meiner Motorisierung: Gerade 16 Jahre alt geworden kaufte ich für 5 Mark mein erstes Moped, eine NSU-Quickly. 40 ccm Zweitaktmotor mit sagenhaften 1,7 PS, 2-Gang-Getriebe, max. Geschwindigkeit 40 km/h.

Hier sieht man, wie so eine NSU-Quickly aussieht und erfährt, dass es tatsächlich noch alle Ersatzteile gibt > http://www.nsu-quickly.de/shop/index.php >


Bildquelle Pixelio


Ich hatte dieses "Fahreisen" maschinengrau gestrichen. Eine meiner ersten Fahrten machte ich nach Bad Homburg, um mir für 5 Mark einen Führerschein Klasse 5 ausstellen zu lassen. Auf dem Rückweg wurde ich geblitzt, mit 95 km/h! Der traurige Anblick meines Mopeds half mir sehr, die Polizisten davon zu überzeugen, dass es eine Fehlmessung gewesen sein musste. Tatsächlich war das Ding aber so schnell, da ich einiges an Motor, Vergaser, Auspuff und Antrieb "verbessert" hatte.

Und dann ging es weiter mit einer sehr sportlichen Maschine: Auch eine NSU-Quickly, aber eine "Cavallino". Gemeinsam mit der NSU war eigentlich nur der Motor mit Getriebe.
Und hier das Bild aus diesen Tagen:

Cavallino


Der sechzehnjährige WG auf seinem "Pferdchen". > Cavallino >, vielen sicher bekannt vom italienischen Urlaubsziel Lido di Jesolo, Campingplatz, usw. Ich hatte sie mit allen Mitteln frisiert, die man mit Vergaser, Auspuff und "Nacharbeiten" an Zylinder und Kolben erreichen kann. So lag die Höchstgeschwindigkeit nicht bei den vorgeschriebenen 40, sondern eher knapp unter 100 km/h; erwischt hat man mich nie ...
Danach kam für kurze Zeit die berühmte Kreidler Florett, die wohl jeder damals einmal gefahren haben musste, bevor es dann doch mit 18 endlich zum Auto übergehen konnte. Aber das wird eine ganz andere Geschichte.

Den Unterschied zwischen meinem Abgangs- und einem Abschlusszeugnis hat das namhafte Maschinenbauunternehmen in Frankfurt am Main, FMA Pokorny, wohl nicht bemerkt; jedenfalls machte ich dort eine ordentliche Lehre mit gutem Abschluss zum Industriekaufmann. Ich lernte von der Pike an: Am 1. April 1964 lernte ich vom Leiter des Wareneingangs Kaffee zu trinken. Und bereits am 2. April lehrte man mich, Kaffee zu kochen. Ich habe also wirklich von der Pike auf gelernt. Zu Anfang war ich auch ein braver Lehrling, Auszubildender wurde man erst später in den 1970er-Jahren. Mit der zweiten Hälfte meiner dreijährigen Lehre begann ich, aufmüpfig zu werden: Ich lehnte schon mal das Ausführen tagelanger, einfacher Arbeiten ab, wie z. B. das Sortieren von Rechnungskopien nach Nummern. Aber nicht aus Faulheit, sondern weil ich etwas lernen wollte und produktiv tätig sein wollte. So war ich am Ende meiner Lehrzeit für viele Monate bereits voll einsetzbar als Verkaufssachbearbeiter tätig. Und ich schrieb sehr kritische, in der Doppeldeutung des Wortes, Artikel in der Lehrlingszeitschrift.

Im Dezember 1965 ging meine Motorisierung weiter, von 2 auf 4 Räder: Führerschein Klassen 3 und 1 (Auto und Motorrad) am 5. Dezember und mein erstes Auto, eine Lloyd Arabella!

Lloyd Arabella




Die Lloyd Arabella war eine echte Neuentwicklung der späten 1950er Jahre. Ganz besonders der Motor: ein Vierzylinder-Viertaktmotor, Boxer, wassergekühlt, mit nassen Laufbuchsen im Aluminiumgehäuse. - Wer weiß heute noch, was man unter nassen Laufbuchsen versteht? - Später wurde das Auto von Borgward übernommen:
Die Geschichte von Lloyd und Borgward liest sich auch heute spannend:

> Lloyd Motoren >

Größte Konkurrenz, gegen die dieses Auto gebaut wurde, war der DKW-Junior. Trotz des für damalige Verhältnisse großen Platzangebots zog der aber immer noch eine blaue Zweitakterfahne hinter sich her, wie einst in der ehemaligen DDR der legendäre Trabbi; der nur viel länger.
(Auch so einen sollte ich später einmal fahren, kurz nach der Wende, Anfang 1990, im Jahr 1993 sogar besitzen)

Diese Lloyd Arabella hatte der Familie Gössling sen. einige Jahre lang als Familienauto sehr gut gedient, auch mit 4 Personen, Zelt und Campingausrüstung im Urlaub in Italien. Ich habe sie im Dezember 1965 übernommen und bis September 1966 gefahren, meist mit schwarzen Händen. Das Verhältnis Reparaturen zu Fahrzeiten war eher ungünstig.

Episoden der Jahre 1960 bis 1968 sind nicht sehr stark in meiner Erinnerung, aber ein paar Episoden mit meiner 12 Jahre jüngeren Schwester Erika, einem exotischen Moped, der frisierten NSU-Quickly Cavallino, meinem ersten Auto, einer Lloyd Arabella, zu der Zeit des Wehrdienstes beim Bundesgrenzschutz in Alsfeld/Oberhessen und letztlich mit meinem Käfer, der restauriert und ferrrarirot lackiert sein Aufsehen erregte:

Per 31. März 1967 hatte ich meine Lehre zum Industriekaufmann abgeschlossen. Ich erhielt einen Kaufmannsgehilfenbrief und arbeitet noch für ein halbes Jahr als Verkaufssachbear-beiter, bevor ich meinen Wehrdienst antreten musste. Am 2. Oktober 1967 trat ich in Alsfeld an, beim Bundesgrenzschutz, zu dem ich mich statt zur Bundeswehr gemeldet hatte. Aber das ist eine völlig andere Geschichte. Hier soll es nur um das Auto gehen: Für diese Zeit hatte ich mir zuvor einen gebrauchten VW-Käfer gekauft, weil ich für diese eineinhalb Jahre ein absolut zuverlässiges Auto haben wollte. War er zu Beginn und im Winter 1967/68 eher hässlich, aber zuverlässig, restaurierte ich ihn im Frühjahr 1968 und rüstete ihn auf:

VW Kaefer

Ferrarirot lackiert und mit einigem Chrom, hochglanzpoliert, sorgte er für Aufsehen.

VW Kaefer
         Und ich hatte mir ein richtiges Cockpit eingebaut:

VW Kaefer

Motor und Fahrwerk hatte ich "überarbeitet". Dadurch war mein Käfer zwar nicht schneller geworden, brachte aber ein sehr hohes Drehmoment auf die Straße und hatte sehr gute Kurveneigenschaften. Und dann kommt das Jahr 1969, es wird im Rückblick zu meinem Schlüsseljahr.

Am 1. April trete ich nach Ende meines Wehrdienstes beim "Buschu" eine Stelle bei einem Automobilzulieferer in Frankfurt an, um diese zum 30.06.1969 zu kündigen. Dort fiel am Freitag, den 23.06.1969, der denkwürdige Satz auf der Startseite.

Am 27. Juni 1969 ist der Christopher-Street-Day (CSD), Schauplatz: New York, Greenwich Village, in der Bar Stonewall Inn ...
> Über die sogenannte Stonewall-Rebellion lesen >

Während der Sommerferien gilt erstmals in der Bundesrepublik ein Wochenendfahrverbot für Lkw ...
> Notiz vom 27.06.1969 dazu lesen >


Ab dem 31. Mai 1969, 23.30 Uhr, wird mein Leben wirklich interessant. Ich lerne meine spätere Frau kennen, wir heiraten im April 1972, haben dann zwei Söhne: Axel, geboren 1973, heute ein Ingenieur mit kleiner Familie und Haus, und Ralf, Jahrgang 1980.

Vom 1. Juli 1969 an entwickelte ich mich bei einem mittelständischen Unternehmen in Bad Homburg v.d.H., der RINGSPANN GmbH, vom Verkaufssachbearbeiter über den Einkaufsleiter zum Geschäftsführer einer Tochtergesellschaft, der RCS Remote Control Systems GmbH. Sie wurde am 16. Dezember 1983 als Joint Venture gegründet:

RINGSPANN GmbH stellte die Infrastruktur, die beiden Lizenzgeber Cablecraft und Quadrastat aus USA gaben Lizenzen für ihre Produkte und lieferten Material und Teile. Zu Anfang waren wir zwei Geschäftsführer, Herr Wilhelm M.T. Wardenier (Bill) deckte die Technik und den Vertrieb ab, ich stand ihm für alles andere zur Seite. RCS entwickelte und produzierte Fernbetätigungssysteme aus den Komponenten dieser beiden Lizenzgeber und weiterem Zubehör: Von Magura hinzugekaufte Regulierhebel oder selbst entwickelte Produkte weiteten die Anwendungsgebiete deutlich aus. Ziel war es immer, nicht einfach Produkte zu verkaufen. Die Anwendungsberatung mit tiefem Verständnis der technischen Anforderungen des Kunden führte in der Regel zur Auslegung kompletter Systeme.

So kam es zum "WG":

Im Jahr 1984 hatte ich zwei Stellen. Als Einkaufsleiter von RINGSPANN hatte ich das Kurzzeichen "Gö". Es war damals üblich, die Anfangsbuchstaben als Kürzel zu führen. Initialen benutzten nur "die hohen Tiere". Als Geschäftsführer von RCS legte ich mir das Zeichen "WG" zu, weniger weil ich glaubte, jetzt ein hohes Tier zu sein. Es gab ganz praktische Gründe: Damals diktierte man noch Korrespondenz auf Bandgeräte. Durch die unterschiedlichen Kurzzeichen konnten die Sekretärinnen leichter unterscheiden, für welche der beiden Firmen der Text war. Aber vor allem ging es mir darum, mich selbst auf diese Weise jeweils auf die gerade aktuelle Firma einzustellen. Und irgendwann ergab es sich, dass man bei der RCS vom WG sprach, wenn man mich meinte.


Ein von mir selbst entwickeltes Produkt führte als "Steuervorrichtung mit elektrischem Drehwinkelgeber" zu meinem Patent Nr. DE 4443319.0 und wurde zu einem jahrelangen sehr guten Umsatzträger, natürlich immer als System mit einem Zugkabel und Anschlussteilen.

RCS
Steuervorrichtung mit elektrischem Drehwinkelgeber


Die Entwicklung dieses Produkts war eine tolle Geschichte:

Anruf eines Konstrukteurs am Freitag, 23.11.1990, 16 Uhr, mit der Frage nach einem Hebel, der kurz beschriebene mechanische und elektrische Funktionen haben sollte. Es ging um eine mechanische Drehzahlregelung für einen Dieselmotor. Die mechanisch eingestellte Position, und damit die Drehzahl des Motors, sollte als elektrischer Widerstand für eine Elektronik erkennbar sein. Meine Antwort nach einer Viertelstunde Bedenkzeit war: "So etwas haben wir derzeit nicht, werden wir aber haben. Ich weiß auch noch nicht, wie das Produkt aussehen wird, einen Prototyp liefern wir Ihnen aber innerhalb von zwei Wochen. Der Serienpreis wird 149,90 DM betragen, ist das in Ordnung?" Und dann ging es los: Entwicklung und Konstruktion am Wochenende, anschließend Teile beschaffen, Montage zweier Prototypen, Dokumentation in Skizzen. Der Probeeinbau und ein erster Versuch waren am Nikolaustag, 6.12.1990, bei leichtem Schneegestöber im Norden Deutschlands. Der Prototyp funktionierte einwandfrei! Mit Serienlieferungen setzten wir in der ersten Januarwoche 1991 ein, für 149,90 DM je Stück.


Nach 18 Jahren (mein Baby RCS war nun volljährig) kehrte ich im Jahr 2003 zur Mutterge-sellschaft RINGSPANN GmbH zurück, jetzt als Geschäftsleiter für Produktion, Beschaffung und Logistik. Wieder einmal hatte ich für nahezu ein Jahr, nämlich 2002, zwei Stellen, noch Geschäftsführer der RCS und schon in der Geschäftsleitung von RINGSPANN.

Dann verlangen mir die schwere zweite Jahreshälfte 2007 und das tragische Jahr 2008 viel ab und verändern alles. Nichts ist mehr, wie es war.

Seit Anfang 2009 bin ich in Altersteilzeit tätig. Bis 30.03.2010 war ich Geschäftsführer einer Tochtergesellschaft, der RINGSPANN Saar Präzisionstechnik GmbH. Seit 31. März habe ich die Funktion des Liquidators. Die Produktion von Teilen für Rollenfreiläufe der ehemaligen Marke VP-Technik setzen wir dort noch bis 30.09.2010 fort. Meine Aufgabe in den kommenden Monaten wird sein, das Unternehmen ordnungsgemäß zu beenden, oder auch "abzuwickeln".

In den bisher 40 Jahren für das Unternehmen RINGSPANN musste und durfte ich sehr viel erleben: u.a. unzählige Handlungen und Verhandlungen mit Lieferanten und Kunden. Da waren auch besondere Einsätze in Italien, Skandinavien, England, USA, Ungarn, Ukraine, Russland, und nicht zuletzt Indien.

Meine Entwicklung war letztlich auch dadurch möglich, dass ich mich ständig weiterbildete: Es wäre mir unerträglich gewesen, Produkte zu verkaufen oder Teile und Komponenten einzukaufen, ohne ihre Funktion zu kennen. Und wenn die Ingenieure über Anwendungen unserer Produkte sprachen, musste ich doch folgen können. Als Instrument zur ständigen Weiterbildung nutzte ich seit den frühen 1970-er Jahren Volkshochschulen. Dort besuchte ich Kurse zu allem, was mit Technik zu tun hat, parallel dazu immer Englisch. Mir war seinerzeit schon klar, dass mein Schulenglisch nicht an-halten und nicht ausreichen würde, um künftige Anforderungen aus der Geschäftswelt bewältigen zu können.
Volkshochschulen sind eine Möglichkeit zur Fortbildung, die nicht nur preiswert ist. Man ist immer Teil einer Gruppe, die sich nur aus Lernwilligen zusammensetzt, anders als in (fast) jeder Schule, zu der man vorher ging.
Der Volkshochschulgedanke begeistert mich mehr denn je, deshalb bin ich seit kurzem Fördermitglied der VHS-Hochtaunus. Gut möglich, dass ich weitere Aktivitäten ent-
wickle ...
> VHS-Hochtaunus in Oberursel/Taunus >


Der viel zu frühe Tod meiner Frau mit meinem letzten Kuss und ihrem letzten Hauch am Abend des 6. Juli 2008 nach schwerer Krankheit setzte vieles in mir zurück. "Wir hatten noch so viel vor, und jetzt muss ich lernen, alleine zu leben". So ließ ich es der Welt mit meiner Traueranzeige verkünden.

Sie ist hier in Wehrheim beerdigt. Hier hatten wir im Jahr 2000 ein 1940-er Jahre Haus mit kleinem Garten als Heimat für unsere späten Jahre gekauft und "renoviert" ...
> Wehrheim im Taunus >


Es gibt so viele unglaubliche Episoden, an denen meine verstorbene Frau immer intensiven Anteil hatte, die ich unbedingt niederschreiben muss! Und sei es auch nur, um sie als Führerinnen durch meine Vergangenheit zu nutzen.

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